Vorbemerkung
Das katholische Dekant
Marburg schrieb unter Dechant Winfried Leinweber im
Jahre 1993 an die Bischöfliche Behörde zum Thema "Stellenbesetzung
und Priestermangel"
"Priesterrat und
Dechantenkonferenz haben im Jahr 1992 die Frage nach
einem Stellenplan für die Diözese Fulda erörtert
und daraufhin die Dekanatskonferenzen gebeten, die
Frage zu besprechen: Was ist zu tun, wenn in unserem
Dekanat, bedingt durch den Priestermangel, eine
Pfarrstelle nicht mehr mit einem Priester besetzt
werden kann?
Das Dekanat Marburg
hat In drei Dekanatskonferenzen und in zwei
Teilkonferenzen (für den Raum Marburg und den Raum
Frankenberg) sich mit dem Thema befaßt. Ich teile
Ihnen hierdurch das Ergebnis mit:
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1. In unseren
Erörterungen sind Äußerungen gefallen wie:
Ich würde keine
zweite Pfarrei übernehmen; die Gemeindepfarrer
können nicht doppelt so viel arbeiten wie bisher;
Gott ist kein Leuteschinder, also darf es auch die
Bistumsleitung nicht sein. Die Tätigkeitshäufung
schreckt alle ab1 die Priester werden wollen. Ich
will mich nicht durch eine klerusinterne Lösung
ausnutzen lassen. Wir müssen gegen überzogene
Erwartungen in den Pfarrgemeinden vorgehen.
Wir haben zu viele
Eucharistiefeiern.
Wie die Gesellschaft1
so setzt auch die Kirche auf die "Profis".
Trotz des 1. Korintherbriefs (Kap. 12) und trotz der
Ekklesiologie des II. Vatikanums sind bei uns zu
viele Tätigkeiten mit dem Priester verknüpft.
Wir können von den
Freikirchen lernen, bei denen alle für etwas
zuständig sind.
Die Uhrzeiten der
sonntäglichen Meßfeiern müssen verändert werden,
damit nachbarschaftliche Aushilfe im Notfall möglich
wird. Wir müssen schon jetzt damit anfangen
(zunächst werktags), Gottesdienste von Laien leiten
zu lassen.
Das Zusammenkommen am
Sonntag zum Gottesdienst ist das Primäre, die
Gottesdienstform ist das Sekundäre. In die
Aufgabenstellung müssen möglichst bald auch die
Pfarrgemeinderäte einbezogen werden.
Die ganze
Angelegenheit stellt an die Bistumsleitung die Frage
nach der Pastoral 2000. Die Gesichtspunkte der
Stellenbesetzung müssen transparent sein für die
Pfarrgemeinden.
Die Pfarreien wollen
und dürfen sich nicht als Objekte der Bischöflichen
Verwaltung verstehen. Daß sie Subjekte in der
Pastoral sind, muß von der · Bistumsleitung
akzeptiert sein. Leere Pfarrhäuser (weil kein
Priester mehr da ist) müssen mit einem pastoralen
Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin besetzt werden. Die
Mitverwaltung von Pfarreien zwingt zu der Frage, ob
die Lasten im Diözesanklerus gerecht verteilt sind.
Mitverwalter sollen z. B. vom Schuldienst befreit
werden (wenn sie das wollen) zu Lasten eines
Nachbarn, der keine Pfarrei mitzuverwalten hat.
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2. Bei unseren
anschließenden, Überlegungen und Vorschlägen haben
uns die folgenden Gesichtspunkte geleitet:
a) Das Problem ist
nicht den Priestern (allein) zur Bewältigung
aufgegeben. Es muß vielmehr dazu kommen, daß die
Pfarrgemeinden Subjekte der Seelsorge werden, wobei
die Tätigkeit des Priesters ein wesentlicher Dienst
ist. Die Eucharistiefeier in der Pfarrgemeinde bleibt
das unaufgebbare Ziel.
b) Die Vakanz von
Pfarrstellen zwingt zu anderen Formen und Trägern
der Gemeindeleitung. Außer den Priestern sind dazu
pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu
gewinnen. Für die Leitung von Gottesdiensten, die
nicht Eucharistiefeiern sind, müssen ehrenamtliche
Kräfte gefunden und ausgebildet werden. Für die
Vermögensverwaltung ist ein Kurator zu bestellen.
c) Der Kirche von
Fulda ist jetzt ein gemeinsames Lernen abverlangt.
Dabei empfiehlt es sich, auch über die eigenen
Bistumsgrenzen hinauszuschauen und von den
Erfahrungen und Wegen anderer Bistümer zu lernen. Es
empfiehlt sich, auf die Kirchen in Süd-und
Mittelammerika, in Afrika und Asien zu schauen,
inwieweit sich dort Modelle finden lassen. Der
Priestermangel kann auch eine Chance und ein Anstoß
des Hl. Geistes sein, das gemeinsame Priestertum
aller Getauften zu verwirklichen und für neue und
andere Leiter und Leiterinnen sowie Gemeindemodelle
aufgeschlossen zu werden.
Der Lernvorgang, der
der Kirche jetzt abverlangt ist, schließt das Gebet
um Priester und um Laien im pastoralen Dienst ein.
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3.Vorschläge für den
Bereich der Stadt Marburg:
a) Die Pfarrer von St.
Peter und Paul können wegen der Größe ihrer
Pfarreien nicht noch eine Nachbarpfarrei
mitverwalten.
b) Cappel könnte
notfalls von Liebfrauen mitverwaltet werden, aber nur
wenn Liebfrauen (zum Pfarrer) einen hauptamtlichen
Mitarbeiter 1 eine Mitarbeiterin erhielte. Im
Cappeler Pfarrhaus sollte ein Diakon wohnen.
c) Eine Mitverwaltung
von Schröck durch Liebfrauen ist kaum denkbar. Die
Gemeinden sind sehr verschieden. Daß Schröck und
Bauer-bach kombiniert werden, ist nicht möglich. Zu
beachten ist: Ginseldorf und Bauerbach sind 2
eigenständige Kirchengemeinden. Eher wäre eine
Zusammenfassung von Schröck und Roßdorf zu
realisieren.
d) Die Stadt Marburg
ist gekennzeichnet durch die Universität (19.000
Studenten) und die Kliniken. Im Team der
Klinikseelsorge muß unbedingt ein Priester
vollzeitlich mitarbeiten (ohne die Verpflichtung zur
Territorialgemeinde). Eine Universität von der
Größe der Marburger braucht einen vollzeitlichen
Priester (vgl. CIC S 813), zumal schon Fulda einen
Hochschulseelsorger bekommen hat.
4. Vorschläge für
den Bereich der Stadt Frankenberg:
a) Für den Fall, daß
Gemünden/Haina nicht mehr besetzt werden kann und
Vöhl besetzt bleibt: Zu Frankenberg kommen die
Ortschaften Geismar, Loulsendorf, Ellershausen,
Frankenau, Allendorf, Dainrode, Löhlbach,
Hüttenrode, Haina, Bockendorf, Halgehausen,
Altenhaina, Mohnhausen, Römershausen. Zur
Pfarrkuratie Industrie-hof sollten kommen:
Oberholzhausen, Niederholzhausen, Lehnhausen und
Rosenthal. Der Rest der Pfarrkuratie könnte der
Pfarrkuratie Emsdorf zugeteilt werden.
Vöhl übernimmt
dafür aus der Pfarrei Frankenberg: Ober- und
Niederorke, Ederbringhausen, Schmittlotheim und
Altenlotheim. Wegen der Mehrbelastung von Frankenberg
müßte die Pfarrei einen Laien im pastoralen Dienst
erhalten (halbe Stelle im Krankenhaus, halbe Stelle
in der Pfarrei).
b) Für den Fall, daß
Gilserberg nicht mehr besetzt werden kann, sollte das
Gebiet an Treysa angeschlossen werden. Die schulische
und wirtschaftliche Orientierung geht dorthin.
Einige Orte liegen
allerdings näher bei Gemünden (so Morscheid,
Schönau, Schönstem).
c) Wenn Vöhl nicht
mehr besetzt werden kann, liegt Frankenberg zu weit
ab, als daß man das ganze Gebiet dort anschließen
könnte. Dann müßte das Bistum Paderborn gebeten
werden, den Bereich nördlich des Edersees durch die
Pfarrei Korbach und Waldeck ex caritate mitverwalten
zu lassen, zumal die wirtschaftliche Orientierung
nach Korbach geht. Der südliche Bereich (ab
Herzhausen) kann dann zu Frankenberg kommen.
d) Solange der
Deutsche Orden einen Kaplan zur Verfügung hat,
bleibt Industriehof/Ernsthausen eine Kaplanei von
Wetter. Andernfalls bleibt Wetter allein als Pfarrei
demDeutschen Orden übertragen und
Industriehof/Ernsthausen muß dann an Frankenberg
angeschlossen werden. Dann braucht Frankenberg einen
Kaplan. Aus der Pfarrei Industriehof sollten die
Ortschaften Rengershausen und Somplar an die
paderbornische Pfarrei Hallenberg/ Bromskirchen
angeschlossen werden.
Für weitere
Überlegungen stehen die Priester und die pastoralen
Mitarbeiter im Dekanat gern zur Verfügung.
Mit
freundlichen Grüßen
(+Dechant Leinweber)
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