Kleiner Leitfaden für
Besuchsdienste (Vers. 1)
Einige
Hinweise für den Besucher
1. Ehe ich ein
Gespräch führe, versuche ich, mir die äußeren und
inneren Einflüsse und Gefühle, unter denen ich
momentan und grundsätzlich stehe, weitmöglichst bewusst zu machen. Ich möchte mein Hören und Sehen,
mein Denken, Fühlen und Glauben ganz auf den
Gesprächspartner konzentrieren und alles ab- und
ausschalten, was mich am genauen und vorurteilslosen
Hinhören und Hinschauen hindert. Ich prüfe,
inwieweit ich diese meine persönlichen Gefühle und
Einflüsse eindämmen, ausschalten oder sinnvoll
integrieren kann.
2. Ich sorge vor und
während des Gespräches für ein Höchstmaß an
äußerer und innerer Ruhe.
3. Ich konzentriere
mich auf den Gesprächspartner, auf seine Aussagen
und Erfahrungen, Wünsche und Gefühle, auf sein
Vermögen und Unvermögen.
4. Aufmerksames und
ernsthaftes Zuhören kann sich verbal
("ja", "hm") oder averbal
äußern (Kopfnicken, Mimik, Gesten etc.).
S. Ich höre nicht nur
auf den Wortlaut, sondern auch auf Wortwahl, Tonfall,
Stimmlage, Sprechtempo, Sprechpausen, Bruchstellen
etc. Dabei stütze ich mich nicht nur auf das Hören,
sondern auch auf das Sehen und beachte Mimik, Gestik,
Körperbau, Kleidung etc. des Partners.
6. Ich achte nicht nur
auf die logischen Aussagen des Gesprächspartners,
sondern versuche zu erfassen, was der andere (noch)
nicht verbalisieren kann, z.B. starke Gefühle,
negative Emotionen (Vorsicht vor subjektiven
Unterschiebungen!).
7. Ich beachte
Stichwörter, Reizwörter, Schlüsselsätze,
Hauptfragen, aber auch Bruchstellen und Pausen. Gibt
es einen "roten Faden", ein bestimmtes
Gefälle?
8. Ich höre mit einer
"gleichmäßig schwebender Aufmerksamkeit"
(Freud) zu, vermeide also ein zeitweises Abschalten
sowie ein innerliches Abschweifen zu anderen Themen;
ich beschäftige mich nicht mit einem bestimmten
Thema (das mir wichtig oder schwierig erscheint),
während der Partner schon von anderen Themen
spricht.
9. Ich lasse den
Partner ausreden und falle ihm nicht ins Wort mit
Meinungsäußerungen, voreiligen Interpretationen und
Zwischenfragen; Ich habe für den anderen Zeit und
Geduld.
10. Ich achte sorgsam
auf Verlockungen zu eigenen, langatmigen Reden: z.B.
erzählen eigener Erfahrungen, Schilderungen eines
,,ähnlichen Falles", Überredungsversuche,
Dogmatisieren, Moralisieren etc.
(Zusammengestellt
nach W. Weber, "Wege zum helfenden
Gespräch")
Aktives
ZUHÖREN
Das Gespräch beginnt,
steht und fällt mit dem Zuhören. Als Besucher
sollte man sich deshalb systematisch mit der Methode
des Zuhörens vertraut machen, um ,,ganz Ohr
sein" zu können.
Zuhören geschieht
nicht nur mit dem Ohr, sondern auch durch Sehen und
Fühlen. Bei einem seelsorglichen Besuch begleitet
der Besucher hörend und sehend, verstehend und
mitfühlend. Wenn er zuhört, dann erfordert das ein
Höchstmaß an Konzentration und Engagement: Der
Besucher nimmt z.B. auch das wahr, was durch Gesten,
durch Mimik oder durch den Ton ausgedrückt wird,
oder die Angst, die während einer Pause entsteht,
oder, daß etwas verschwiegen wird. Seine Aktivität
während des Zuhörens besteht im Mitfühlen,
Mitdenken und Mitsuchen.
ZUHÖREN bedeutet:
1. Ich sehe im anderen
einen Partner, nicht einen moralisch Schlechteren
oder im Glauben Schwächeren; d.h.: ich verzichte auf
einen autoritären - dirigistischen - Führungsstil.
2. Ich konzentriere
mich auf den Gesprächspartner, d.h. ich verzichte
darauf, nur von mir zu sprechen.
3. Ich nehme den
anderen an, so wie er ist, d.h. ich verzichte darauf,
den anderen in seiner Person abzulehnen oder zu
verurteilen.
4. Ich spreche nicht
nur über das, was ich möchte, sondern auch über
das, was der andere will; der andere muß
Möglichkeiten haben, sich über seine Probleme zu
äußern, auch wenn er längere Zeit dazu braucht und
zunächst erst Randthemen anspricht.
5. Durch mein Zuhören
erhält das Gespräch eine heilende Ebene:
der andere kann sich
aussprechen und damit fähig werden, seine Probleme
zu sehen und zu verarbeiten.
GEFAHREN
DER GESPRÄCHSFUHRUNG
Die Gesprächsführung
bei einem Kontaktgespräch kann unter konkreten
Gefahren und Belastungen leiden, für die der
Mitarbeiter im Besuchsdienst verantwortlich ist.
Einige
Verhaltensweisen, die der Besucher vermeiden sollte,
seien hier kurz in
Form eines
,,Lasterkatalogs" umrissen.
Der Besucher sollte
bei einem Gesträch möglichst nicht:
1. Dirigieren, d.h.
Ratschläge, Mahnungen oder Befehle aussprechen,
fertige Lösungen vorlegen, zu Überredung und
Manipulation greifen.
2. Debattieren, d.h.
Streitgespräche führen, rechthaberisch den eigenen
Standpunkt vertreten (häufige Redewendung ,,Ja, aber
...,")
3. Doginatisieren,
d.h. Aussagen von unanfragbarer Autorität
verbreiten, ,Lehrsätze' aus Theologie und
Psychologie, Lebenserfahrung und
"Volksweisheit".
4. Diagnostizieren (in
einseitiger Weise), d.h. hier: schnell und
verallgemeinernd und endgültig eine Diagnose
aussprechen, so daß der Besuchte seine individuelle
Freiheit verliert und außerdem durch die Diagnose
schockiert wird.
5. Interpretieren
(einseitig), das bedeutet hier: eigenwillig und
subjektiv auslegen, Dinge hineintragen oder
herauslesen, die nicht wirklich angesprochen sind.
6. Generalisieren,
d.h. ein allgemeines Schema anwenden und so die
Allgemeinheit gegen das Individuum ausspielen; zu
unzulässigen Verallgemeinerungen greifen (z.B.
Wörter benützen wie "alles",
"immer", "nie").
7. Bagatellisieren,
d.h. ein Problem oder Gefühl des Gesprächspartners
herunterspielen und als geringfügig ansprechen.
8. Moralisieren, d.h.
negative und positive Werturteile aussprechen, den
anderen beurteilen.
9. Monologisieren,
d.h. viel und langatmig reden und dabei den anderen
aus den Augen verlieren.
10. Emigrieren, d.h.
innerlich und äußerlich auswandern und abschalten,
abwehren und gleichgültig sein.
11. Rationalisieren,
d.h. in einseitiger Weise logisch-intellektuell
vorgehen und dabei die Gefühlswelt vernachlässigen.
12. Projizieren, d.h.
eigene Erfahrungen, Gedanken, Gefühle und
Einstellungen auf den Gesprächspartner übertragen;
von subjektiven Erfahrungen auf den anderen
schließen.
13. Sich
identifizieren (in einseitiger Weise), d.h. in der
Welt des Partners aufgehen, die nötige Distanz und
Selbstkontrolle verlieren.
14. Sich fixieren,
d.h. sich selber auf bestimmte Rollen festlegen oder
sich vom Gesprächspartner eine feste Rolle
zuschieben lassen (z.B. die Rolle des allwissenden
Beraters, der ,trostreichen Mutter').
15. Abstrahieren, d.h.
abstrakt und allgemein reden, theoretisieren.
16. Examinieren, d.h.
ausfragen, zu viel fragen, verhören.
17. Externalisieren,
d.h. Randprobleme zur Sprache bringen (z.B. ferne
Probleme, Äußerlichkeiten).
18. Umfunktionieren,
d.h. den Partner unterbrechen und das Gespräch gegen
seinen Willen in eine bestimmte Richtung lenken (z.B.
durch Fragen).
Lit.:
Soziale Dienste und
Caritas der Gemeinde: Pfarrbesuchsdienst.
Materialien zu Aufbau und Arbeit von Besuchsdiensten.
Hg. vom Katholikenrat der Diözese Fulda. (Tel.
0661-87467 Fax 0661-87578)
10 Schritte zum Aufbau
von ehrenamtlichen Sozialdiensten -
eine Arbeitshilfe (....) Hg. Malteser-Hilfsdienst,
Kalker Hauptstr. 22-24, 51103 Köln (Tel.
0221-9822240 und Fax 9822589).
Kurs:
15. und 20. Mai 2000, 20 Uhr, Pfarrheim Schröck
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