Quelle: »DAS WORT DES BISCHOFS
(Erzbischof Johannes Dyba) in der Kirchenzeitung
"Bonifatiusbote"
vom 06.07.1997
Priestermangel?
Im Bistum Fulda
konnten wir im Bonifatiusmonat Juni dieses Jahr vier
Priester und sieben Diakone weihen, die, so Gott
will, im nächsten Jahr zur Priesterweihe anstehen.
Das ist ein Geschenk Gottes, für das wir von Herzen
dankbar sein dürfen. Danach werden die Weihezahlen
voraussichtlich vorerst zurückgehen, während die
Zahl der in den Ruhestand ziehenden Priester deutlich
höher ist. Herrscht bei uns Priestermangel?
Ich glaube, daß ein
Blick in die Geschichte uns da die Maßstäbe etwas
geraderücken kann. Überfluß und Mangel waren
nämlich beständig wechselnde Erscheinungen in der
Geschichte der Kirche und speziell im Bistum Fulda.
Zur Zeit der
Neuumschreibung der Diözese (1821) zählte das
Bistum 70 Pfarreien und 109 Priester bei knapp
100.000 Katholiken. Die gesamte Diözesanverwaltung
(einschließlich des Seminars und der Theologischen
Lehranstalt) fand im Gebäude des heutigen
Priesterseminars Platz. Die Bedürftigkeit des neuen
Anfangs wurde aber zum Nährboden einer langsam
wachsenden Volkskirchlichkeit, zum Ausgangspunkt
erneuter Frömmigkeit, missionarischer und
caritativer Aktivitäten, gesellschaftlicher
Wirksamkeit und großer Treue zum Hl. Stuhl. In
diesem katholischen Milieu nahmen auch die
Priesterberufe wieder zu.
Einen erneuten
Einbruch brachte die Zeit des Kulturkampfes
(1872/80). Das Bistum verwaiste nach dem Tod des
Bischofs Kött (dessen Nachlaß wegen einer nicht
bezahlten Geldstrafe gepfändet wurde!), das »Priesterseminar wurde geschlossen, die
Klöster aufgehoben und zahlreiche Geistliche
verloren ihre Wirkungsmöglichkeit. So war um 1881
das Bistum ohne Bischof, es lebte noch ein
Domkapitular und etwa ein Drittel aller
Seelsorgestellen waren vakant oder ohne Priester.
Doch wiederum wuchs
aus der Erfahrung der Not der Geist der Gemeinschaft
und der Frömmigkeit. Nach Beendigung des
Kulturkampfes stiegen die Zahlen wieder an und 1910
meldet der Fuldaer Realschematismus 151 Pfarreien,
ca. 240 Priester und 61 Seminaristen.
Drei große
Veränderungen standen der Diözese aber noch bevor:
die Neuumschreibung 1929 (Frankfurt an Limburg,
Thüringen an Fulda), der Flüchtlingsstrom von
1945/46 und die Trennung der Diözese nach Ost und
West.
Und heute? Wir würden
zwar gerne noch viel mehr Priester einsetzen und
müssen auch eine gewisse Überalterung des Klerus
feststellen. Aber was das zahlenmäßige Verhältnis
von Geistlichen zu Gläubigen angeht, stehen wir
nicht so schlecht da, unter den hessischen Bistümern
sogar an erster Stelle. Denn auf einen
Diözesanpriester (Weltpriester) kommen im Bistum
Fulda 1.324 Gläubige, dagegen im Bistum Mainz 1.757
und im Bistum Limburg sogar 2.130 Gläubige.
Was sich in diesen
Zahlen auch widerspiegelt ist die in den letzten zwei
Jahrzehnten gemachte Erfahrung, daß der vermehrte
Einsatz von Pastoralreferenten als Ersatzpriester in
den Gemeinden den Priestermangel nicht behebt,
sondern eher noch zementiert.
Das was wir heute
komplex als "Priestermangel" ansehen, hat
vor allem drei Gründe. Einmal die zurückgehende
Zahl von geistlichen Berufen bei uns (weltweit ist
sie schon wieder steigend). Zum zweiten die nach dem
Zustrom der heimatvertriebenen Katholiken erfolgte
Gründung vieler kleiner Seelsorgestellen und
Filialkirchen in vorher nicht katholischen Gebieten
des Bistums. Nach dem Ausscheiden der entsprechenden
heimatvertriebenen Priester sind diese nicht mehr zu
ersetzen. Und drittens eine gewisse
"Servicementalität" auf Seiten der
Gläubigen: trotz ständig sinkender
Kirchenbesucherzahlen glaubte man Zahl und
Häufigkeit der hl. Messen immer noch erhöhen zu
müssen. Die Fuldaer Synode von 1924 sieht noch den
einen gemeinsamen Pfarrgottesdienst mit Predigt als
Regel an. Dem stehen heute drei Sonntagsgottesdienste
als Regel gegenüber, ja es gibt sogar noch
konkurrierende Vorabendmessen in benachbarten
Pfarreien.
Wenn also in Zukunft
die Zahl der in der Pfarrseelsorge einsetzbaren
Priester noch zurückgeht, werden die kleineren
Filialen auf dem Lande sich auf die größeren
Pfarreien hinbewegen müssen, in denen die
regelmäßige Feier der hl. Messe gewährleistet ist.
Das ist bei der heutigen Mobilität auch durchaus
(und meistens in 10 bis 15 Minuten) möglich. Keinem
wird ja wie früher zugemutet, in aller
Herrgottsfrühe stundenlang durch den Schnee zu
stapfen, um zur hl. Messe zu kommen.
Wem das schwer fällt,
der sollte bedenken, daß die Konzentration auf die
eucharistiefeiernde Gemeinde mit Priester und
sakralem Raum viel eher dem ursprünglichen Idealbild
der Kirche entspricht, als Veranstaltungen in
versprengten Grüppchen und ebenso wenig privat
zelebrierende Priester.
Von jeher wurde die
Gemeinde in der Kirche durch die gemeinsame Feier der
hl. Eucharistie begründet. Das soll im Bistum Fulda
auch so bleiben. Dafür stehen uns - Gott sei Dank -
in unserem Bistum genügend Priester zur Verfügung.
Und daß das so bleibt, darum wollen wir Gott von
Herzen bitten, so wie er selbst es uns geboten hat:
"Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig
Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, daß er
Arbeiter in seine Ernte sende." Bitten wir
wirklich so, daß Gott uns erhören kann?
Euer Bischof Johannes