Abschrift.
"Aus der
Vergangenheit unserer Heimat"
Geschichts-Beilage der Oberhessischen Presse Nr.136
vom 17. November 1953
"Auf Veranlassung
des Verschönerungsvereins ist nun wieder das
restliche Mauerwerk der ehemaligen Hl. Kreuzkapelle
bei Schröck freigelegt und das sie seit Jahren
überwuchernde Strauchwerk entfernt worden. Dabei
zeigte sich, daß die Kapelle weit geräumiger war,
als der bloße Anschein bisher erwies. Sie stand
einst im Walde oberhalb des Schröcker Brunnens am
steilen Berghang, etwa 6o Schritte vom
Brunnen-Gebäude entfernt in westlicher Richtung. Die
nun aus dem Boden etwa einen halben Meter hoch
herausragenden Grundmauern zeigen bei 16,20 m Länge,
1,10 m Breite und 0,80 m Mauerdurchmesser ein
Rechteck, dessen Längsachse genau in ostwestlicher
Richtung steht. Die Mauern sind noch gut erhalten,
eine größere Lücke ist nur an der Südseite. Hier
lag auch die Pforte zur Kapelle, 1,15 m breit mit
einer breiten Steinstufe.
Nicht steht fest, aus
welcher Zeit die Kapelle stammt; doch darf angenommen
werden daß sie zur Zeit der Hl. Elisabeth bereits
vorhanden war und irgendwie an eine vorchristliche
Quell-Kultstätte anschließt. Sie wird des öfteren
von Marburg aus hinüber gewandert sein auf jenem
Pfad über die Lahnberge und den Schröcker Gleichen,
von dem heute noch geringe Spuren eines
grobgepflasterten Weges oberhalb der Kapelle zeugen;
an einen solchen Besuch knüpft sich die Sage von der
Elisabetrappe, jenem groben Findlingsblock, der auf
der Fläche des Schröcker Gleichen zwischen
Förstereiche und Sanatorium "Sonnenblick"
im Walde versteckt (Wege- bez. Roter Strich) liegt.
Doch ist uns über die
Schicksale der Kapelle von jener Zeit an bis zum
Regierungsantritt Philipp des Großmütigen nichts
bekannt. 1520 wird sie erstmals genannt und hieß
"Kapelle zu dem heiligen Kreuz jenseits des
Lahnberges" , besaß weder Turm noch Dachreiter;
ein Glöcklein hing in einer nach Schröck gelegenen
Nische des Giebels. Dies geht aus einem 1527
aufgestellten Inventarverzeichnis hervor, wo
außerdem noch Meßbuch, Meßgewänder, Kelch, fünf
hölzerne Laden und zwei Opferstöcke erwähnt
werden. Durch Spenden der Wallfahrer, der Reichen wie
der Armen, wurde der Unterhalt des dienenden Bruders
der Kapelle bestritten, deren letzter der "arme
Henche von Mardorf" war. Diesen Klausner aus dem
Eselsgrund beschreibt der Pfarrer G. Th. Dittmar 1872
in einer umfangreichen Ballade von nicht weniger als
81 Versen in Vierzeilern.
Bei Einführung der
Reformation im Jahre 1527 hörte der Gottesdienst in
der Kapelle auf. Die kirchlichen Gerätschaften nebst
der Glocke erhielt der neu gegründete Armenkasten in
Marburg, das sogenannte "Gespenge", eiserne
Klammern und Bänder, wie das Gitterwerk, die Stadt
Marburg. Gewalt und Zahn der Zeit zehrten nun an dem
Mauerwerk und rasch ging die Kapelle dem Verfall
entgegen. Manches Steinmaterial wird in das nahe Dorf
Schröck gewandert und dort zum Errichten von
Häusern und Scheunen verwandt worden sein. Bezeugt
ist aus der Maburger Stadtrechnung von 1578, daß
sechs Schilling für zwei Fuhren Steine verausgabt
wurde, die bei "St. Elisabethen Kapelle"
geladen und als Treppentritte beim Rathausturmbau
Verwendung fanden. Das Rathaus selbst in den Jahren
1512 bis 1516 erbaut, wurde ja durch den
prunkliebenden Landgraf Ludwig IV., den zweiten Sohn
Philipps, von 1578 bis 1581 einem Umbau unterzogen;
der obere Teil des Treppenhauses wurde erneuert und
der damaligen Mode entsprechend von Meister Ebert
Baldewein der barocke Giebel mit der Kunstuhr und den
Standfiguren darauf gesetzt. Die letzten Reste der
Kapelle mögen dann bei Anlage des Schröcker
Brunnens verschwunden sein, als der gleiche
Landesfürst zu Ehren seiner Stammutter, der Hl.
Elisabeth, das reich mit lateinischen Inschriften und
Wappen verzierte Brunnengebäude am Fuße des Berges
1596 errichten und den großen Platz davor einebnen
und mit Grotten, Steintischen und Steinbänken
versehen ließ.
Man versäume nicht
beim Besuch dieses so idyllisch gelegenen Platzes mit
dem weltumfassenden Blick hinüber nach Amönburg,
Schweinsberg und Wittelsberg die Stätte der Hl.
Kreuzkapelle aufzusuchen, deren Ruinenreste noch
immer eine beredte Sprache zu uns reden. Aber auch
hier gilt der Spruch: Schont und schützt die
Denkmäler vergangener Zeiten.
Gg Rumpf"
(Pfarrarchiv, DinA4,
maschinengeschrieben mit zahlreichen Korrekturen)