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DPQ [Quellen und Abhandlungen Nr. 001]

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Das kirchliche Heiligsprechungsverfahren
bis zum Jahre 1234

Der Kanonisationsprozeß der hl. Elisabeth von Thüringen

VON JOSEF LEINWEBER +
In der frühchristlichen Zeit wurde lediglich den Martyrern um ihres Blutzeugnisses willen kultische Verehrung erwiesen. Um ihr Andenken lebendig zu erhalten, wurden seit den ersten Jahrhunderten ihr Prozeß und ihr Martyrium durch eigens aufgestellte christliche Notare aufgezeichnet, oder es wurden ihre Gerichtsakten bzw. Abschriften davon von den Gerichtsnotaren gekauft. Nicht selten mußte man sich allerdings mit der Aufzeichnung von Aussagen und Berichten der Augenzeugen begnügen. Cyprian von Karthago (+ 258), der seinem Klerus ebenfalls das Sammeln der Martyrerakten zur Pflicht machte, zeigt bereits eine gewisse Vorsicht in der Verehrung der Martyrer, wenn er darauf hinweist, daß nicht alle, die während der Verfolgungszeit den Tod erlitten haben, es verdienen, verehrt zu werden, weshalb er eine Prüfung der eingehenden Berichte verlangt. Ähnliches fordern Hieronymus, Augustinus und Epiphanius von den Bischöfen. Die als echt befundenen Berichte bzw. Akten wurden am Todes- oder Gedächtnistag der betreffenden Martyrer in der Kirche öffentlich verlesen und an andere Kirchen versandt, damit auch dort das Andenken der Martyrer bewahrt würde. Ein Dekret des Papstes Gelasius I. (492-96) bezeugt, daß in Rom von alters her nur diejenigen Berichte und Akten vorgelesen werden durften, deren Echtheit sowohl durch den Namen des Verfassers als auch durch den Inhalt verbürgt war. Seit dem 4. Jahrhundert kommen bereits Beispiele vor, daß man sich nach Rom wandte, um die Anerkennung eines Martyrers und die Zustimmung des Papstes zu dessen Verehrung zu erlangen. Namentlich erwähnt sei in diesem Zusammenhang der hl. Bischof Vigilius von Trient, in dessen Martyrerakten die Anrufung der päpstlichen Autorität bereits als etwas Herkömmliches bezeichnet wird.

Nach dem Aufhören der Verfolgungen wurde, zunächst freilich sehr zögernd, neben den Martyrern auch anderen Verstorbenen, die sich durch ein heroisches Leben ausgezeichnet hatten, kultische Verehrung zuteil. Diese ging in der Regel vom gläubigen Volk aus, das sich in seinen Gebeten an den betreffenden Verstorbenen wandte und ihn so in eine besondere Beziehung zu Gott setzte. Auch hier kommt es seit dem 4. Jahrhundert vor, daß man sich um eine päpstliche Anerkennung des Kultes bemühte, ohne daß dies jedoch die Regel geworden wäre. Vielmehr waren es die Bischöfe, die die Verehrungswürdigkeit eines Verstorbenen prüften bzw. entschieden.

Als Bischof Emmeram von Regensburg im frühen 8. Jahrhundert von Lantbert, dem Sohn des bayerischen Herzogs Theodo, ermordet wurde, gab Lantbert an, er habe seine Schwester Uta, die von Emmeram angeblich geschwängert worden sei, rächen wollen. Da Herzog Theodo den Behauptungen seines Sohnes keinen Glauben schenkte, kam es zwischen beiden zum Streit. Bischof Gaubald, Emmerams Nachfolger, entschied den Streitfall dadurch, daß er die Gebeine Emmerams aus dem bisherigen Erdgrab erheben und in einem Schrein auf einem Altar beisetzen ließ. Durch die Erhebung (elevatio) seiner Gebeine gehörte Emmeram zu den Verstorbenen, die der kultischen Verehrung würdig waren. Um 770 ließ Bischof Arbeo von Freising nach einer Beratung mit seinen Nachbarbischöfen die Gebeine des hl. Korbinian aus Mais in Tirol in seine Bischofskirche in Freising überführen. Diesem Akt der Überführung (translatio) kam die gleiche Wirkung zu wie dem der Erhebung. Beide Akte, Elevation und Translation, behielten ihre Bedeutung in einem gewissen Umfang auch dann noch, als das Heiligsprechungsverfahren durch die allgemeine kirchliche Gesetzgebung im wesentlichen geregelt war. Daß auch ein Abt sowohl Elevation als Translation durchführen konnte, zeigt das Beispiel des Hrabanus Maurus. Als Abt von Fulda ließ er 836 die in der Fuldaer Klosterkirche an der

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Seite des hl. Bonifatius ruhenden Gebeine der hl. Lioba, die bereits seit ihrem Tod im Jahre 780 vom Volk sehr verehrt wurde, aus ihrem bisherigen Grab erheben und sie in die neue, von ihm erbaute Klosterkirche auf dem Petersberg bei Fulda überführen. Allerdings kam ihm als Abt von Fulda aufgrund des Exemtionsprivilegs seiner Abtei in dieser wie auch in deren Nebenklöstern eine quasibischöfliche Stellung zu.

Wie die Erhebung bzw. Transiation des hl. Korbinian durch Bischof Arbeo von Freising bereits zeigt, traf der zuständige Bischof die Entscheidung dafür nicht immer allein, sondern bisweilen auch unter Hinzuziehung der Nachbarbischöfe oder des eigenen Diözesanklerus. Die Hinzuziehung der Nachbarbischöfe führte im Lauf der Zeit dazu, daß, allein schon wegen des größeren Ansehens, Heiligsprechungen den Provinzialsynoden zur Entscheidung vorgelegt wurden. Bischof Salomon von Konstanz behandelte die von der Abtei St. Gallen erbetene Elevation ihres Abtes Othmar zunächst auf einer Diözesansynode, ehe sie im Jahre 864 durchgeführt wurde.

Die Anerkennung der kultischen Verehrung eines Heiligen seitens der zuständigen kirchlichen Autorität durch Elevation bzw. Translation seiner Gebeine war jedoch auch im 9. und 10. Jahrhundert, ja selbst Jahrhunderte später, noch nicht der ausschließliche Weg der Heiligsprechung. Bis in das Hochmittelalter und darüber hinaus lassen sich Beispiele nachweisen, daß Heilige kultisch verehrt werden, ohne daß ihr Kult jemals amtlich anerkannt worden wäre. Die Gefahr, die derartige Spontan-Kulte in sich bargen, sah man durchaus. So warnt die Admonitio generalis aus dem Jahre 789 vor der Verehrung unbekannter Heiliger. Im Anschluß daran bestimmt ein Kanon der Frankfurter Synode von 794, daß keine neuen Heiligen verehrt und angerufen werden dürften, sondern nur diejenigen, die aufgrund ihres Lebenswandels amtlich dazu erkoren worden seien. Noch deutlicher schärft das Capitulare von Diedenhofen im Jahre 805 ein, daß die in letzter Zeit aufgefundenen Heiligen nur mit Zustimmung des Bischofs verehrt werden dürften. Eine ähnliche Anordnung erließ die Synode von Mainz im Jahre 813.

Der Erfolg der kirchlichen Gesetzgebung war jedoch keineswegs durchschlagend. Die Heiligsprechungen auf dem Weg der bloßen Verehrung seitens des Volkes ohne Anerkennung durch die zuständige kirchliche Autorität gingen weiter. Dennoch zeigt sich ein zunehmendes Bestreben, der Verehrung eines Heiligen durch eine möglichst hohe und schließlich überhaupt durch die höchste kirchliche Autorität, den Papst, Anerkennung zu verschaffen, und dies nicht zuletzt, um dem Heiligen dadurch einen möglichst weiten Kreis von Verehrern zu sichern und ihn nicht zu einem bloßen Lokalheiligen werden zu lassen. Wurde in Italien der Papst schon im 6. Jahrhundert vereinzelt um eine Mitwirkung beim Heiligsprechungsverfahren bemüht, so läßt sich diesseits der Alpen erst für das 8. Jahrhundert ein derartiger Fall nachweisen. Die um 840 verfaßte ältere Lebensbeschreibung des hl. Kilian berichtet, Bischof Burkhard von Würzburg habe 752 seine Gebeine »auf Rat und Weisung des Papstes Zacharias unter Vermittlung des Erzbischofs Bonifatius« erhoben. Diese bloße Erwähnung einer durch weitere Quellen nicht nachweisbaren päpstlichen Beteiligung an einem Heiligsprechungsverfahren verbürgt ihre Tatsächlichkeit allerdings in keiner Weise, obwohl sie zu der Welt des Bonifatius, der sich in vielen Dingen Rat und Weisung aus Rom erbat, sehr gut passen würde. Wie dem auch sei, die Lebensbeschreibung versucht durch die Erwähnung der Mitwirkung höherer Autoritäten bei der Erhebung der Gebeine des Heiligen seiner Verehrung einen höheren Grad der Anerkennung zu verleihen. Besser bezeugt ist eine päpstliche Mitwirkung an einer Heiligsprechung diesseits der Alpen bei der Erhebung der Gebeine des hl. Celsus von Trier. Erzbischof Egbert von Trier nahm sie 978 vor und ordnete apostolica auctoritate an, daß das Fest des Heiligen am 23. Februar, an seinem Todestag, zu feiern sei. 986 führte Bischof Hugo von Würzburg auf einer Versammlung von zahlreichen geistlichen und weltlichen Großen mit päpstlicher Erlaubnis die Translation der Gebeine des ersten Bischofs von Würzburg, des schon erwähnten Burkhard, durch.

Von daher war die von dem Augsburger Bischof Liudolf erbetene Heiligsprechung seines Vorgängers Ulrich durch Papst Johannes XV. im Jahre 993, die allgemein als die erste päpstliche Heiligsprechung angesehen wird, rechtlich nichts völlig Neues, sondern sie unterschied sich von früheren Heiligsprechungen unter päpstlicher Mitwirkung lediglich durch den feierlicheren Rahmen.

Denn sie erfolgte auf einer Lateransynode in Gegenwart von 18 Kardinälen, d.h. den suburbikarischen Bischöfen und dem höheren Klerus der Stadt Rom.

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Bereits bei dieser Heiligsprechung lassen sich drei Akte feststellen, die in der Zukunft wesentlich werden sollten. Zunächst trägt der Antragsteller, in der Regel der zuständige Bischof, unter Vorlage der Lebensbeschreibung, deren Abfassung aus Anlaß der Elevation oder Translation seit langem üblich war, und eines Wunderberichtes die Bitte um Heiligsprechung vor. Dann erfolgt die Prüfung des eingereichten Materials durch den Papst oder seine Beauftragten und schließlich die feierliche Publikation der Heiligsprechung, die in einer Urkunde festgehalten wird. Bemerkenswert an der Bitte des Augsburger Bischofs ist, daß sie nicht an den Papst, sondern an die Synode gerichtet war, die die Verehrungswürdigkeit dann auch entschied. Es ist also immer noch die Vorstellung lebendig, daß die Heiligsprechung in die Kompetenz einer Synode fällt. So erfolgen denn auch die nächsten päpstlichen Heiligsprechungen stets in Verbindung mit einer Synode, z.B. die Heiligsprechung des Bischofs Konrad von Konstanz auf dem ersten Laterankonzil 1123 und die des Abtes Sturmi von Fulda auf dem zweiten Laterankonzil 1139. Erst in der Heiligsprechungsbulle Papst Eugens III. für Kaiser Heinrich II. aus dem Jahre 1146 läßt sich eine neue Entwicklung feststellen. Darin anerkennt der Papst zwar die Zuständigkeit der Synoden für den Regelfall, aber für diesen Sonderfall beansprucht er das alleinige Entscheidungsrecht. Ähnlich betont Papst Alexander III. in der Heiligsprechungsbulle für Eduard den Bekenner die Notwendigkeit der Mitwirkung einer Synode, handelt aber in dem konkreten Fall kraft eigener Autorität.

Noch in einem anderen Punkt ist die Kanonisation des Bischofs Ulrich von Augsburg maßgeblich geworden für die weitere Entwicklung. Bischof Liudolf beruft sich in seiner Bitte an die Synode darauf, daß sich die Heiligkeit seines Vorgängers sowohl in dessen Leben als auch durch Wunder gezeigt habe, und legt daher neben einer Lebensbeschreibung auch einen Bericht über die geschehenen Wunder vor. Seitdem sind Wunder unerläßliche Voraussetzung für die Eröffnung des Heiligsprechungsverfahrens. Sehr bald genügte es freilich nicht mehr, eine Anzahl von Wundern anzugeben, die auf die Fürbitte des betreffenden Heiligen geschehen seien, sondern man forderte eine glaubwürdige Bezeugung der Wunder. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist diese Forderung bereits feste Praxis. Bei der Heiligsprechung Hugos von Cluny im Jahre 1120 erwähnt Papst Kalixt II., daß man sich nicht auf irgendwelche Berichte berufen habe, sondern daß man glaubwürdige Zeugen vernommen habe. Bei der Heiligsprechung des Abtes Sturmi von Fulda 1139 wurde die Echtheit der Wunder von den in Rom anwesenden deutschen Bischöfen bezeugt. Bei der Gefahr, die gerade dieser Punkt des Kanonisationsverfahrens in sich barg, wurde der Akt der Prüfung immer sorgfältiger ausgestaltet. Als Kaiser Heinrich II. heiliggesprochen werden sollte, wurde 1145 in Bamberg ein Lokaltermin abgehalten. Die päpstlichen Gesandten überzeugten sich persönlich von der Richtigkeit der Angaben, die eine Gesandtschaft aus Bamberg in Rom gemacht hatte. Aus dieser Nachprüfung durch päpstliche Legaten an Ort und Stelle entwickelte sich die vereinzelt vorkommende Kanonisation durch Legaten, d.h. päpstliche Legaten, die mit der Durchführung des Lokaltermins beauftragt waren, erhielten die Vollmacht, bei einem günstigen Ergebnis der Untersuchungen die Heiligsprechung im Namen des Papstes vorzunehmen. Auf diese Weise erfolgte 1183 die Kanonisation des Erzbischofs Anno von Köln.

Wenn im 12. Jahrhundert die Kanonisation auch noch keineswegs ein Recht war, das dem Papst allein vorbehalten blieb, so drängte doch bereits die ganze Entwicklung in diese Richtung. Die wachsende Zahl der Kanonisationen, die von den Päpsten nach einer ständig strenger werdenden Prüfung vorgenommen wurden, ließ diese zunächst zu einem Kontrollorgan für die Korrektheit nichtpäpstlicher Kanonisationen bzw. der Heiligenverehrung überhaupt werden. Als um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Schweden ein Mann als Martyrer verehrt wurde, der im Zustand der Betrunkenheit ermordet worden war, schrieb Papst Alexander III. (1159-1181) an König Knut I. von Schweden und an den Episkopat des Landes und verbot die Verehrung des Ermordeten ohne römische Billigung trotz der vielen angeblich geschehenen Wunder. Das Dekret des Papstes, nach seinem Anfangswort »Audivimus« genannt, das später in die allgemeine kirchliche Gesetzgebung Eingang fand, untersagte nur für diesen Einzelfall eine kultische Verehrung ohne päpstliche Billigung. Es läßt aber bereits die Tendenz, die Kanonisation grundsätzlich dem Papst vorzubehalten, deutlich erkennen. Wenig später fand es bereits Aufnahme in die Kanonessammlungen von Kanonisten der Universität Bologna, an der Alexander III. früher selbst ein berühmter Professor des kanonischen Rechts gewesen war. Diese

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Sammlungen besaßen zwar nur privaten Charakter, aber durch ihre Verwendung im Lehrbetrieb erlangten sie, zumal sie mit Glossen versehen wurden, durch die ehemaligen Bologneser Studenten große Verbreitung.

So war der Schritt nicht mehr weit, daß der Papst das Recht der Kanonisation ausschließlich für sich beanspruchte. Zum ersten Mal kommt dies in aller Klarheit in der Heiligsprechungsbulle für die deutsche Kaiserin Kunigunde aus dem Jahre 1200 zum Ausdruck. Papst Innozenz III., so lautet ihr wesentlicher Inhalt, entspricht der Bitte, die Kaiserin unter die Heiligen aufzunehmen, aufgrund der Vollgewalt, die Christus dem Hl. Petrus verliehen habe, und da die oberste Entscheidung darüber allein dem zustehe, der der Nachfolger des hl. Petrus und der Stellvertreter Jesu Christi sei. Von der Zuständigkeit der Synode für Kanonisationen ist keine Rede mehr. Die Vollgewalt des Papstes läßt sie in diesem Punkt überflüssig werden, nachdem ohnehin seit längerem bei Heiligsprechungen häufig auf sie verzichtet worden war.

Allerdings wurde die Reservation des Kanonisationsrechtes durch die Päpste zunächst keineswegs urgiert. Erst 1234 verloren die Bischöfe ihr Kanonisationsrecht, als der »Liber Extra«, die berühmte Dekretalensammlung Papst Gregors IX. promulgiert und damit allgemeines Recht der Kirche wurde. Das Dekret »Audivimus« Alexanders III., das nur einen einzelnen Fall betroffen hatte, reservierte durch seine Aufnahme in die Dekretalensammlung alle Fälle der Heiligsprechung dem Papst.

Die Kanonisation der hl. Elisabeth von Thüringen fällt damit genau in die Zeit, in der die Entwicklung des Verfahrens im wesentlichen abgeschlossen war. Über den Verlauf unterrichtet eine ganze Reihe von zeitgenössischen Quellen, deren besonderer Wert darin besteht, daß sie größtenteils amtliche Dokumente darstellen.

Bereits kurze Zeit nach dem Tod Elisabeths am 17. November 1231 muß an der römischen Kurie ein Antrag auf Eröffnung des Kanonisationsverfahrens vorgelegen haben. Beigefügt war vermutlich ein Bericht über die ersten Wunderheilungen, die schon am ersten Tag nach ihrer Bestattung an ihrem Grab einsetzten. Antragsteller war mit einiger Wahrscheinlichkeit Magister Konrad von Marburg, der seit etwa 1226 Elisabeths Beichtvater gewesen war und die Verehrung der verstorbenen Landgräfin von Anfang an intensiv förderte. Völlig unbeteiligt an dem ersten Antrag dürfte dagegen die zuständige kirchliche Autorität, Erzbischof Siegfried III. von Mainz, gewesen sein, dessen territorialpolitische Auseinandersetzungen mit den Landgrafen um Oberhessen gerade zu diesem Zeitpunkt einem neuen Höhepunkt zustrebten. Auch sein späteres Interesse an der Heiligsprechung schließt eine Mitwirkung so gut wie aus. Konrad selbst konnte den Antrag insofern mit einer gewissen Berechtigung stellen, als er nicht nur als päpstlich bestellter Prokurator der Landgräfin in Rom kein Unbekannter wär, sondern auch als Kreuzzugsprediger und Inquisitor hohe kirchliche Ämter bekleidete.

Der eingegangene Antrag wie auch der Wunderbericht gaben dem Pönitentiar und Kaplan des Papstes, Raimund von Penaforte, der übrigens der 1234 promulgierten Dekretalensammlung Gregors IX. ihre endgültige Gestalt gegeben hatte, jedoch Anlaß, sich an Konrad zu wenden, um nähere Informationen über die geschehenen Wunder einzuholen. Konrad kam dem Auftrag allerdings nicht sofort nach, ja er mußte mehrfach dazu gemahnt werden. Grund dafür war wohl, daß er den Erzbischof von Mainz als die nächstzuständige kirchliche Autorität, vielleicht um spätere Hindernisse von dieser Seite wegen Übergehung zu vermeiden, unter allen Umständen an dem Heiligsprechungsverfahren mitbeteiligt sein lassen wollte. Eine Gelegenheit, den Erzbischof dafür zu gewinnen, bot sich Konrad am 10. August 1232 bei der Weihe von zwei Altären der neuen Kapelle des St. -Franziskushospitals in Marburg, das Elisabeth gegründet hatte und wo sie auch beigesetzt war. Die Kapelle, die einen ansehnlichen Bau von etwa 34 Metern in der Länge und 10 Metern in der Breite darstellte, war erst im Frühjahr 1232 begonnen worden und konnte daher im August des gleichen Jahres nur in sehr bescheidenen Teilen fertiggestellt sein. Aber für Konrad mag die Weihe der beiden Altäre in einem noch so bescheidenen fertigen Teil der Kirche die einzige Möglichkeit gewesen sein, den Erzbischof nach Marburg zu bemühen.

Konrad hielt bei der Weihe selbst die Predigt und forderte dabei alle diejenigen, die durch Anrufung Elisabeths wunderbar geheilt worden seien, auf, am folgenden Tag in Gegenwart des Erzbischofs und der anderen anwesenden Prälaten über ihre Heilung mit beigebrachten Zeugen auszusagen. Es meldete sich daraufhin eine nicht geringe Zahl von Menschen, die behaupteten, durch

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die Anrufung Elisabeths geheilt worden zu sein. Der Erzbischof ließ, wenn auch unwillig, die Wunder, die glaubwürdig waren, aufzeichnen und den Bericht mit seinem Siegel und dem der anwesenden Prälaten, soweit diese ihr Siegel mit sich führten, versehen.

Da der Erzbischof, der sich offensichtlich überfahren fühlte, jedoch wegen anderer dringender Geschäfte wenig Zeit hatte, war die Aufzeichnung der Wunder nur ganz summarisch erfolgt. Man hatte auch auf die Zeugen verzichtet, denen es bei dem Gedränge der Volksmenge zudem gar nicht möglich gewesen war, rasch genug zur Vernehmung zu kommen. Trotz aller Mängel hatte Konrad sein Ziel erreicht. Der Bericht an den Papst, der 60 Wunder umfaßte und in die Bitte ausklang, die verstorbene Landgräfin in das Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen, trug als Absender nicht nur seinen Namen, sondern auch den des Erzbischofs und der übrigen anwesenden Prälaten.

Konrad, der die Expedierung des Berichtes an die römische Kurie besorgte, übersandte zusammen (mit ihm auch eine kurze, von ihm verfaßte Lebensbeschreibung Elisabeths, damit der Papst nicht nur über die durch sie geschehenen Wunder, sondern auch über ihr Leben genau unterrichtet sei. Er bezeichnete die kurze Lebensbeschreibung, die allerdings nur die Zeit umfaßt, in der er Elisabeths Beichtvater war, d.h. die Jahre von etwa 1226 bis 1231, als "Summa vitae". Diese ist später mehrfach zu Kompilationen verwandt worden.

Am 13. Oktober 1232 beauftragte Papst Gregor IX., der den Wunderbericht und die Lebensbeschreibung von Konrad inzwischen erhalten hatte, Erzbischof Siegfried von Mainz, Abt Raimund von Eberbach und Magister Konrad, ein neues Zeugenverhör der mitgeteilten Wunder durchzuführen. Wie kaum anders zu erwarten, war der Wunderbericht vom 11. August 1232 dem Papst zu wenig sorgfältig und korrekt, zumal Konrad selbst darin angedeutet hatte, daß alles in Eile erfolgt sei. Für das neue Zeugenverhör fügte der Papst seinem Schreiben ein Formular bei, das den Ablauf der Vernehmungen bis ins einzelne festlegte. Es verlangte von den Zeugen genaue Angaben darüber, wie sie das Wunder erfahren hätten, wann, wo und in wessen Gegenwart es geschehen sei. Außerdem sollten sie bezeugen, wer dabei angerufen worden sei und mit welchen Worten dies geschehen sei. Auch Name und Herkunftsort des wunderbar Geheilten sollten angegeben werden. Für den Fall, daß ein Zeuge den betreffenden Geheilten schon vorher kannte, sollte er angeben, wie viele Tage vor dem Wunder er ihn gesehen habe und wie lange dieser krank gewesen sei.

Während das päpstliche Schreiben vom 13. Oktober 1232 nur kurz den Auftrag enthält, nach dem beigefügten Formular zu verfahren, beinhaltet ein päpstliches Schreiben vom folgenden Tag die eigentliche Kommission. Der Papst gibt hier den Adressaten den Auftrag, über Leben, Lebenswandel und Wunder Zeugen zu vernehmen, deren Aussagen aufzuzeichnen und so lange versiegelt aufzubewahren, bis ein neues päpstliches Schreiben dazu auffordere, die Zeugenaussagen durch eine Gesandtschaft dem Papst vorlegen zu lassen.

Die Kommissare kamen zu Beginn des Jahres 1233 ihrem Auftrag nach und verhörten über 600 Zeugen. Zunächst wurden die Vernehmungen von den drei päpstlichen Beauftragten durchgeführt. Als der Erzbischof und der Abt später durch andere Aufgaben beansprucht wurden, setzte Magister Konrad mit Hilfe einiger Welt- und Ordenskleriker die Arbeit fort, bis der letzte Zeuge vernommen war. Jeder einzelne Wunderbericht wurde auf einem eigenen Pergament aufgezeichnet und durch die Examinatoren, die die betreffenden Zeugen verhörten, beglaubigt. Von den Kommissaren war, soweit sich ersehen läßt, immer nur einer bei den Aussagen über ein Wunder anwesend. Doch wurde stets ein weiterer Welt- oder Ordensgeistlicher hinzugezogen. Die Kommissare hatten sich ihre Arbeit also geteilt und verhörten wahrscheinlich zur gleichen Zeit. Am besten geben die unvollständig erhaltenen Protokolle über die Arbeit des Abtes Raimund von Eberbach Aufschluß. Ihm stand als Notar der Mönch Wilhelm zur Seite, der Konventuale seines Klosters war. Abt Raimund litt seit langem an heftigen Rückenschmerzen und war nach Marburg gereist mit dem Gedanken, sein Amt niederzulegen. Am Grab der hl. Elisabeth wurde er jedoch geheilt, so daß er 1235 vor der zweiten Kommission selbst als Zeuge erschien. Neben dem Mönch Wilhelm zog er noch den Priester Dietrich von Elsoff, den Priester Hermann und den Schreiber Helwich zu einzelnen Vernehmungen hinzu. Abt Raimund scheint der eifrigste der Kommissare gewesen zu sein. Denn von den 105 Wundern, die aufgezeichnet wurden, stammen allein 43 aus den von ihm durchgeführten Verhören.

Nach dem Willen des Papstes sollten die Protokolle zunächst von den Kommissaren verwahrt

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werden, bis sie durch ein neues Mandat aufgefordert würden, die Aufzeichnungen an die Kurie überbringen zu lassen. Doch Magister Konrad glaubte, sich über die päpstliche Anweisung hinwegsetzen zu können, und übersandte eine Abschrift der gesamten Protokolle sofort nach Beendigung der Zeugenverhöre, d.h. Ende Februar oder Anfang März 1233, an die römische Kurie. In der Form dieser Abschrift und in der Reihenfolge, wie sie die Wunder aufführt, sind die Protokolle der Zeugenaussagen erhalten. Die Abschrift entbehrt jeder systematischen Ordnung. Vielmehr schrieb Konrad die Protokolle so ab, wie sie in seine Hände kamen.

Mit der Abschrift der Protokolle der Zeugenaussagen gelangte auch die kurze Lebensbeschreibung Elisabeths aus der Feder Konrads ein zweites Mal an die römische Kurie, dieses Mal jedoch als amtlicher Bericht einer päpstlichen Kommission. Papst Gregor IX. hatte, wie oben erwähnt, der Kommission auch den Auftrag gegeben, über Leben und Lebenswandel der verstorbenen Landgräfin Zeugen zu vernehmen. Die Kommission hatte sich dieses Auftrags entledigt, indem sie hierzu im wesentlichen nur die familia religiosa Elisabeths, d.h. die Dienerinnen des von ihr gegründeten St. -Franziskushospitals in Marburg, verhörte. Als Grundlage diente dabei von vornherein die kurze Lebensbeschreibung, die Konrad verfaßt hatte. Da sich beim Verhör kein Grund zu einer Berichtigung oder Ergänzung der Lebensbeschreibung ergab, nahmen die Kommissare diese samt dem früheren Brief Konrads fast wörtlich in ihren Bericht an den Papst auf.

Nach der Übersendung des Berichts der Kommission an Papst Gregor IX. durch Konrad von Marburg geriet das Kanonisationsverfahren plötzlich ins Stocken. Die Gründe dafür mögen sehr verschieden gewesen sein. Daß Konrad sich über die päpstliche Anordnung hinweggesetzt und die Aufforderung, den Bericht zu übersenden, nicht abgewartet hatte, dürfte dabei kaum von Gewicht gewesen sein. Wesentlicher war vermutlich, daß seit der Ermordung Konrads am 30. Juli 1233 der eigentliche Initiator der Heiligsprechung Elisabeths fehlte. Dazu mag die gerade zu diesem Zeitpunkt immer schwieriger werdende Position des Papstes in Rom gekommen sein, die ihn schließlich zwang, die Stadt zu verlassen und in anderen Städten des Kirchenstaates zu residieren.

Ein Jahr später änderte sich die Situation insofern, als jetzt der Deutsche Orden Hüter des Grabes der verstorbenen Landgräfin wurde und außerdem deren Schwager Konrad von Thüringen selbst in den Deutschen Orden eintrat. Das überaus große Interesse, das gerade Konrad und mit ihm der Deutsche Orden am weiteren Verlauf der Heiligsprechung zeigten, läßt den berechtigten Schluß zu, daß von dieser Seite das Verfahren von neuem in Gang gesetzt wurde. Konrad hielt sich zudem im Sommer 1234 persönlich an der Kurie auf und ließ das St. -Franziskushospital in Marburg und die dortige Pfarrkirche durch den Papst dem Deutschen Orden übertragen. Die Bulle, die am 1. Juli 1234 darüber ausgestellt wurde, erwähnt bezeichnenderweise, daß die Übereignung auch im Hinblick auf die in der Spitalskapelle ruhende und von den Gläubigen bereits sehr verehrte Landgräfin Elisabeth erfolgt sei. Konrads Aufenthalt an der Kurie scheint bis in den Herbst des Jahres 1234 gedauert zu haben. Denn am 14. Oktober 1234 verlieh Papst Gregor IX. dem Kloster Reinhardsbrunn, der damaligen Grablege der Landgrafen von Thüringen, darunter auch des Gemahls der hl. Elisabeth, Ludwigs IV., einen Ablaß und drei Tage später auf Bitten Konrads dem Abt das Recht der Pontifikalien. Es dürfte daher wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, daß Konrad auch mit dem Erlaß der päpstlichen Bulle vom 11. Oktober 1234 im Zusammenhang steht, durch die schließlich die letzte Phase des Kanonisationsprozesses eingeleitet wurde.

In dieser Bulle beauftragte Gregor IX. den Bischof Konrad von Hildesheim, dem er nach der Ermordung Konrads den Schutz des Spitals in Marburg übertragen hatte, außerdem Abt Hermann von Georgenthal und Abt Ludwig von Hersfeld, die Protokolle der früheren Kommission innerhalb von fünf Monaten durch eine Gesandtschaft an die Kurie überbringen zu lassen. Für den Fall, daß die Protokolle nicht mehr vorhanden seien, gab er die Anweisung, dieselben Zeugen noch einmal und nach Möglichkeit weitere Zeugen unter Hinzuziehung rechtskundiger Männer zu verhören und die Protokolle über die Aussagen ebenfalls in der genannten Frist versiegelt zu übersenden. Die Protokolle der früheren Kommission lagen zwar noch vor, aber dennoch begnügten sich die Kommissare nicht einfach mit ihrer Übersendung, sondern führten ein neues Verhör durch.

Etwa zur gleichen Zeit ließ der Papst der neuen Kommission die Protokolle der früheren Kommission, die Magister Konrad in Abschrift übersandt hatte, durch den Hochmeister des

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Deutschen Ordens, Hermann von Salza, zuschicken. Außerdem ordnete er an - das betreffende Schreiben ist verlorengegangen-, daß die kurze Lebensbeschreibung der Landgräfin aus der Feder Konrads durch wirkliche Zeugenaussagen ersetzt würde.

Die Kommissare setzten als Termin für das neue Verhör den 1. Januar 1235 fest. An diesem Tag sollten alle, die durch Elisabeth Heilung gefunden hätten, sich mit Zeugnissen ihrer Prälaten und Pfarrer in Marburg einfinden. Bischof Konrad ließ sowohl Zitation als auch Termin in mehreren Bistümern und in großen Städten kraft päpstlicher Vollmacht bekanntgeben. Nach dem in diesem Punkt ohne Zweifel ein wenig übertreibenden Traktat der Kurie über die Heiligsprechung Elisabeths, von dem später noch die Rede sein wird, sollen viele Tausende der Aufforderung gefolgt sein. Von den Kommissaren erschienen nur Bischof Konrad II. von Hildesheim und Abt Hermann von Georgenthal, während Abt Ludwig von Hersfeld aus unbekannten Gründen fernblieb. Nach dem päpstlichen Mandat genügte es übrigens, wenn der Bischof mit einem der beiden Äbte das Verhör durchführte. Wahrscheinlich fand zunächst das Verhör derjenigen statt, die über das Leben der Landgräfin aussagen konnten. Dafür kamen wiederum in erster Linie die Dienerinnen des St. -Franziskushospitals in Marburg, Irmgard, Elisabeth und Hildegundis, und die beiden Frauen aus dem Gefolge Elisabeths, Isentrud und Guda, in Frage.

Das sehr eingehende Verhör scheint von zwei Schreibern aufgezeichnet worden zu sein, was wiederum auf eine Arbeitsteilung schließen läßt. Während der erste die Aussagen der Guda und der Isentrud sowie einen Teil der Aussagen der Elisabeth aufzeichnete, schrieb der zweite die Aussagen der Irmgard, die restlichen Aussagen der Elisabeth, die Aussagen der Hildegundis, des Pfarrers von Marburg und der anderen Zeugen auf. Die Zeugen machten ihre Aussagen offenbar so, wie sie ihnen Gedächtnis und Bildungsgrad eingaben, meist ohne jede Ordnung, weshalb die Kommissare auch nicht alle Aussagen, sondern nur ausgewählte Abschnitte aus den Protokollen an den Papst sandten. Die Protokolle der Aussagen zum Leben der hl. Elisabeth sind in zwei Fassungen erhalten, einer ursprünglichen, kürzeren Form und einer wenige Jahre später entstandenen längeren Überarbeitung.

Das Verhör über die Wunder wurde vermutlich ähnlich durchgeführt wie das im Jahr 1233, d.h. unter Mitwirkung von Schreibern und rechtskundigen Beisitzern. Wie damals wurden auch jetzt besonders Ordensgeistliche dazu herangezogen, unter denen neben Zisterziensern, Prämonstratensern, Dominikanern und Franziskanern jetzt auch Mitglieder des seit kurzem in Marburg ansässigen Deutschen Ordens vertreten waren. An neuen Wundern wurden 24 aufgezeichnet. Bei den Wundern, die bereits von der früheren Kommission aufgezeichnet worden waren, begnügte man sich damit, die beglaubigten Pergamentausfertigungen der Protokolle mit der Abschrift Konrads von Marburg zu kollationieren. Dabei schied man die Aussagen in drei Gruppen, nämlich in die vor dem Erzbischof Siegfried von Mainz, vor dem Abt von Eberbach und vor Konrad von Marburg ausgesagten Wunder. Jede Gruppe bildete einen Ordo für sich, und zwar in der Reihenfolge, wie sie die Abschrift Konrads aufwies. Die meisten der dort aufgeführten Zeugen waren beim zweiten Verhör nicht anwesend. Soweit die Zeugen jedoch erschienen waren, hielt man dies ausdrücklich fest und ließ sie ihre Aussagen von neuem bestätigen. Das gesamte Protokoll der Wunder wurde in vier Ordines eingeteilt, von denen der erste die Aussagen über die 24 neuen Wunder, der zweite die Aussagen über 43 Wunder vor dem Abt von Eberbach, der dritte die Aussagen vor dem Erzbischof von Mainz und der vierte die Aussagen vor Konrad von Marburg enthielt. Auch hier sind die Protokolle nicht vollständig erhalten. Doch würde ein vollständiges Exemplar an wesentlichen neuen Nachrichten kaum mehr bieten als die genaue Zahl der restlichen 62 Wunder, die vor dem Erzbischof bzw. vor Konrad von Marburg ausgesagt wurden.

Bald nach dem Verhör machte sich die Gesandtschaft zur Überbringung der Protokolle an die päpstliche Kurie auf den Weg. Sie bestand aus dem Abt Bernhard des Zisterzienserklosters Buch, dem Kreuzzugsprediger Salomo, dem erst vor kurzem in den Deutschen Orden eingetretenen Landgrafen Konrad von Thüringen und einigen anderen Ordensleuten.

Die Gesandtschaft traf den Papst in Perugia an, wo er seit dem Herbst 1234 residierte. Gregor IX. ließ - ein deutlicher Hinweis dafür; daß die ältere Rechtsvorstellung, nach der Kanonisationen in die Zuständigketi einer Synode oder einer ähnlichen Versammlung fallen, immer noch lebendig war - das gesamte Aktenmaterial vor ein Konsistonum bringen. Dieses fand in Gegenwart der lateinischen

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Patriarchen von Antiochien und Jerusalem, der Kardinäle, zahlreicher Erzbischöfe, Bischöfe und anderer Prälaten vermutlich in der zweiten Maihälfte des Jahres 1235 statt. Nach der Verlesung der Protokolle sprachen sich alle Anwesenden für die Aufnahme der verstorbenen Landgräfin in das Verzeichnis der Heiligen aus. Damit war das eigentliche Prozeßverfahren zu Ende.

Die Publikation der neuen Heiligen erfolgte am Pfingstfest des gleichen Jahres, das damals auf den 27. Mai fiel. An diesem Tag zog der Papst mit den Patriarchen, Kardinälen und Prälaten, die auch am Konsistonum teilgenommen hatten, in einer feierlichen Prozession zur Dominikanerkirche in Perugia. Dort überreichte Konrad, Elisabeths Schwager, dem Papst und den übrigen anwesenden Würdenträgern große, dem gewöhnlichen Volk kleine Kerzen, die er später dem Dominikanerkonvent zukommen ließ. Der Kardinaldiakon verlas entsprechend dem vorgeschriebenen Ritus eine vermutlich kurzgefaßte Vita der neuen Heiligen und einen Bericht über die durch sie geschehenen Wunder. Die anwesende Volksmenge antwortete darauf mit rauschendem Beifall und dem Gesang des Tedeum. Gregor IX. ordnete die jährliche Feier ihres Todestages für die gesamte Kirche an und schrieb für diesen Tag ein von ihm selbst verfaßtes Meß-Offizium vor, dessen Kollekte in der katholischen Kirche bis zur Liturgie-Reform im Zusammenhang mit dem zweiten vatikanischen Konzil stets am Fest der hl. Elisabeth gebetet wurde.

Der kuriale Traktat, dem wir die genaue Kenntnis der letzten Phase des Kanonisationsverfahrens und der Feierlichkeiten bei der Heiligsprechung verdanken, erwähnt noch weitere Aktivitäten Konrads am Tag der Heiligsprechung. Zunächst lud er etwa 300 Mönche zum Essen ein und ließ zahlreichen Klöstern der Umgebung, vor allem den Klöstern der Minderbrüder, Brot, Wein, Fisch und Milchspeisen in reichem Maß zukommen. Außerdem ließ er im Namen des Deutschen Ordens an viele Arme Brot, Fleisch, Wein und Geld austeilen. Er selbst war am Tag der Heiligsprechung Gast des Papstes, was der Traktat als eine seltene Ausnahme vermerkt.

Wenige Tage später, am 1. Juni 1235, wurde eine Bulle über die Kanonisation ausgestellt. Zwei Tage zuvor hatte der Papst bereits der Kirche, die der Deutsche Orden in Marburg vor kurzem als künftige Grabeskirche der neuen Heiligen zu bauen begonnen hatte, einen Ablaß verliehen. Am 4. Juni 1235 bestätigte der Papst dem Deutschen Orden verschiedene Besitzungen, die diesem die Landgrafen Heinrich und Hermann von Thüringen geschenkt hatten. Am 7. Juni 1235 sandte er der Königin Beatrix von Kastilien, einer Tochter des deutschen Königs Philipp, ein Schreiben, in dem er die hl. Elisabeth, die durch ihr Beispiel den Landgrafen Konrad und die böhmische Königstochter Agnes, ihre Verwandte, zu Ähnlichem begeistert habe, mit beredten Worten preist. Am 22. Juni 1235 erteilte Gregor IX., vermutlich wiederum auf Bitten Konrads, dem Kloster Reinhardsbrunn das Privileg, daß ohne wichtigen Grund weder ein Mitglied des Klosters mit dem Bann noch das Kloster mit dem Interdikt belegt werden dürfe.

Die letzte Phase des Kanonisationsprozesses war von gewissen Unstimmigkeiten begleitet, über deren eigentliche Ursache sich nur Vermutungen anstellen lassen. Die einzige Quelle hierfür ist der bereits mehrfach erwähnte kuriale Traktat über die Heiligsprechung Elisabeths, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von Raimund von Penaforte, d.h. einem der engsten Mitarbeiter des Papstes, verfaßt wurde. Grund für die Abfassung des Traktats waren gewisse, nicht näher genannte Vorwürfe, gegen die der Verfasser den Papst verteidigen und ihm eine peinliche Exaktheit des Verfahrens und lauterste Gunst bescheinigen zu müssen glaubte. Die Vorwürfe scheinen aus Kreisen der Kurie selbst gekommen zu sein und könnten sich gegen eine in den Augen mancher Kurialen zu leichte Handhabung des Verfahrens und gegen eine zu große Begünstigung des Deutschen Ordens, die in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen ist, gerichtet haben. Wie dem auch sei, über Vermutungen ist bei der gegenwärtigen Quellenlage nicht hinauszukommen.

Wie oben bereits erwähnt, fiel die Kanonisation der hl. Elisabeth genau in die Zeit, in der die Entwicklung des Verfahrens im wesentlichen abgeschlossen war. Sie ist zudem die erste Heiligsprechung nach der Promulgation des »Liber Extra«, der das Kanonisationsrecht dem Papst allein reservierte. Gemessen an der Dauer des Verfahrens bei der letzten päpstlichen Kanonisation zuvor, bei der des hl. Antonius von Padua, der, am 13. Juni 1231 gestorben, bereits am 30. Mai 1232 von Gregor IX. heiliggesprochen wurde, beanspruchte das Heiligsprechungsverfahren der hl. Elisabeth eine verhältnismäßig lange Zeit. Doch ist die längere Dauer nicht nur auf die Verzögerung des Verfahrens

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nach dem Tod Konrads von Marburg zurückzuführen, sondern auch auf die wesentlich längere Zeit, die der erforderliche Schriftwechsel zwischen der römischen Kurie und Marburg benötigte. Die Durchführung des Kanonisationsverfahrens der hl. Elisabeth zeigt zugleich, daß man auf Seiten der kirchlichen Autorität, vom Erkenntnisvermögen des damaligen Menschen her betrachtet, in keiner Weise leichtgläubig vorging. Das Bemühen um Exaktheit ist um so höher zu werten, als »Kritik nicht die starke Seite des Mittelalters war« (W. Neuß).

Quellen und Literatur

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P. Lambertini (Benedikt XIV.): De servorum Dei beatificatione et beatorum canonisatione 1-1V, Bononiae 1734- 1738.

Hessisches Urkundenbuch, 1. Abt.: Urkundenbuch der Deutschordensballei Hessen, von A. Wyss, 1. Bd. (Publikationen aus den k. preuß. Staatsarchiven 3), Leipzig 1879, Nachdruck 1965.

A. Huyskens: Quellenstudien zur Geschichte der hl. Elisabeth Landgräfin von Thüringen, Marburg 1908.

A. Huyskens: Der sog. Libellus de dictis quatuor ancillarum s. Elisabeth confectus, Kempten u. München 1911.

L. Hertling: Materiali per la storia del processo di Canonizzazione, in: Gregorianum 16, 1935, S. 170-195.

E. W. Kemp: Canonization and Authority in the Western Church, London 1948.

R. Klauser: Zur Entwicklung des Heiligsprechungsverfahrens bis zum 13. Jahrhundert, in: ZRG Kan 40, 1954, S. 84-101

L. Maril: Elisabeth von Thüringen. Die Zeugnisse ihrer Zeitgenossen, Einsiedeln-Zürich-Köln 1960.

L. Santifaller: Zur Originalüberlieferung der Heiligsprechungsurkunde der Landgräfin Elisabeth von Thüringen vom Jahre 1235, in: Acht Jahrhunderte Deutscher Orden in Einzeldarstellungen, hg. von P. Kl. Wieser 0.T. Bonn-Bad Godesberg 1967, S. 73-88.

A. Agostino: Culto e canonizzazione dei santi nell´ antichità cristiana, in: Antonianum 52, 1977, S. 38-80.

A. Agostino: La canonizzazione vescovile, in: Antonianum 52, 1977, S. 231-266.

J. Lenzenweger: Entwicklung der päpstlichen Kanonisation unter besonderer Berücksichtigung der österreichischen Heiligen, in: R. Schulte (Hg.): Leiturgia- Koinonia- Diakonia. Festschrift für Kardinal Franz König, Wien-Freiburg-Basel 1980, S. 309-324.

M. Werner: Die hl. Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg, in: Marburger Geschichte, hg. von E. Dettmering u. R. Grenz, Marburg 1980, S. 121-164.

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Nach: Josef LEINWEBER, Das kirchliche Heiligsprechungsverfahren bis zum Jahre 1234. Der Kanonisationsprozeß der hl. Elisabeth von Thüringen, in: Sankt Elisabeth. Fürstin –, Dienerin –, Heilige. Aufsätze. Dokumentation. Katalog [Katalog der Ausstellung zum 750. Todestag der hl. Elisabeth im Landgrafenschloß und in der Elisabethkirche in Marburg vom 19. November 1981 bis zum 6. Januar 1982], Sigmaringen 1981, S. 128

[Digitalisierung von pfarrgeschichtlichen Quellen und Abhandlungen Nr. 1
lein1234.htm | 10.07.07
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Stefan Krönung 1996-2007 als Pfarrer in St. Michael und St. Elisabeth

 

 

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 Update 31.05.11